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Wie schrabbsdin na du, wem kerschdn na du?
Normalerweise erwartet man bei einer Ordensverleihung ja einen Politiker
oder "eine Prominenz, bekannt aus Funk und Fernsehen", wie es
so schön heißt. Die Prominenz, die Stars, brauchen Presse und
"Publicity" für ihr "Image", sie gieren nach
"Events" und "Highlights", um Schlagzeilen, Marktwert,
Quoten und Honorare hochzutreiben.
Die Politiker wiederum befinden sich laufend auf der Jagd nach Posten,
Zuschuß und Prozenten. Sie sind für jeden Blödsinn zu
haben, solange nur genügend Pressefritzen und Kameras dabei sind,
die mithelfen, daß sie die nächste Wahl gewinnen, um dann noch
höhere Posten, Zuschüsse und Prozente zu ergattern.
Und jetzt steht hier ein Dichter, ach du meine Güte!
Kein Pausenkasper und kein Blödelbarde, nein, ein Poet, noch dazu
einer, der im Dialekt der Eingeborenen schreibt, kein sanfter Heinrich,
der mit "heiter-besinnlichen" Versen, die so windelweich und
windelwarm wie Pflaumenmus sind, den Leuten die wunden Seelen einschmiert
und verpicht.
Für einen Schriftsteller, einen fränkischen noch dazu, und wenn
er aus dem Aischgrund stammt erst recht, bleibt das närrische Faschingstreiben
im Grunde etwas Fremdes, Exotisches, Verrücktes. Daß ich heute
hier stehe, hat zunächst mit meiner Herkunft zu tun.
Lusdich is di Foosernachd
Wenn mei Mudder Kiegle baggd!
Wennsi obber kanne baggd
Na scheißi auf di Foosernachd!
Das war das "Veerschla", das wir aufgesagt haben früher,
um an Haustüren "Bommbomm", "an Schugglood" oder
"an Grapfm" zu ergattern. Wir waren verkleidet als Cowboy oder
Zauberer, Indianer oder Pirat. Die Leute kannten uns nicht mehr, verwunderten
sich sehr und sprachen:
No, glanner Buu?
Wem kerschdn na du?
Wie schrabbsdin na du?
Wu bisdn du na raus, hasd keerd?
Und das ist für mich die entscheidende Frage geblieben bis heute:
Wo bin ich raus? Wem gehöre ich? Wie schreibe ich mich?
Es ist die Frage nach dem , was man im Fränkischen wohl Idendidäd
nennen kann:
Wurri herkumm, wirri haaß, wemi
Gleichsiech, wemi noochgrood
(...)
Wos dief drinhoggd, wosmi
Ausmachd, wosmer noochgehd
Es hat zu tun mit Herkunft und Prägung, mit Muttersprache und Vaterhaus:
Derhamm in meim Eldernhaus hängd a Hersch in Rohma
is Greiz, Schullbilder un Kalenner an der Wänd.
Doo is ka Beedhoofm korchd wonn, gschweings gspilld.
Glanna Verhäldnisse, nedd foddgfohrn, ka Deooder
Bossaunakoor, Bauernkalenner, Sunndoogsbleedla
vo der Zeidung erschd amoll di Doodesoozeing gleesn
un woss ieberoll ginsdi gidd un billi
sunsd Losunga, Ondachdsbiegle
fier Neinzerhunnerdselbigsmool
sunsd nix, des woors, nix Gressers.
Der Aischgrund, mein Fleischgrund, das war mein Bubengrund und mein Wurzelreich,
meine Werktagswelt und meine Denkwiese.
Aaschgrund, Aaschgrund
dord binni middi Schnoogn gfloong
dord binni auf der Milchsubbm doheergschwumma
gstreind un beichd, gnuutschd un gschuuld, glumbd un
versumpfd...
Der Storch is kumma, Doodnnissle un Schulldiedn
der Belzermerdl, is Grisdkindla, der Osderhoos
di Scheernschleifer, di Oofanger, di lusdichn Mussigandn...
Dort hab ich Worte und Werte mit der Muttermilch eingesogen. Es ist für
mich der Himmelsstrich, wo die Lebenssäfte ziehen und schießen.
Ich hab es mir nicht ausgesucht. Ich hatte keine Wahl. Es war halt einfach
so.
Das Mundwerk häckselte die Dinge dieser Welt zu einem Wortbrei voll
Kraft und Klang:
A ausdroongs Schmaisla un ins Groob nei a Straißla
Kichn un Stall, Agger un Kerng, Hochzerd un Leichd
Moggerle Suggerle Wiewerle Zieberle
Schmaaßmuggn Saachoomersn
Heihäggsler Miesdbraader Streischenzn
Fudderaaschi un Grammerd
Greem un Hälmer un Hobbergaaßn
Bechdalln an di Bammer un oogeizder Gree
Humml wu hutzn un Kalm wu rindern
Oxeraang Schoofmaili Zieberleskees
broodner Bauch un Erpfl ausm Dämpfer
Bressagbiggsn un Kegg, a Ring Woschd un a Kaal Brood
a Schadd, a Stolln, a Streislkuung, a Kiegla un a Schalln
Kaffee
Eibrenni un Iebribleibi
wergerdeechia Woor un zammgerwerda Leid
reich an Fleiß un arm an Freid
di Händ voller Dreeg un di Daschn voller Danggschee
Ich bin heute noch dankbar für diese Kindheit im Aischgrund, diese
Jahre zwischen Ackerfurchen und Himmelslicht, Jahre angefüllt mit
Stall-Luft und Anfeuerungsrufen.
Das Leben dort gab mir eine Mitte und einen Grund, "an Weech mid
Margstaa un Feldgreizer heemerdreem". Es hat mich geprägt und
bestimmt bis heute.
Iech hobb fier a Fimpferla Dreff kolld in der Abbodeegn.
Hobb is Broodwoschdmooß kolld bein Schlachdn.
Der schwazz Moo haddmi am Groong baggd
Der Nachdgeeger haddmi am Wiggl kadd.
Iech woor der Abriloggs, hobb ieberoll hieglotzd.
Midn Bloosorsch vo Ferd, midn Dood vo Forchheim
Midn Schelln Siemer vo Schaafld
Binni auf di Kaddlschull ganga auf Weinzierlein.
Doo braugsdi wunnern!
So wächst einer daher in "Frankens gemütlicher Ecke",
wie es heute werbend und fröhlich lockend heißt. Bloß
gemütlich ist diese Ecke Frankens nie sonderlich gewesen...
Ihre Geschichte ist durchtränkt mit Blut, Schweiß und Tränen,
mit Arbeit, Armut, Ausbeutung und Gewalt. Wer weiß, wo er herkommt,
weiß auch, wo er hinwill.
Fei nix Beriehmds, nedd dassi wißd
Nix Weldbeweengdes, ka grooßa Wirf
Au wuher! Nix Gnaus, nedd berauschnd
A gmiedlia Eggn, a rechder Winggl
Fraali, der Aaschgrund, schee oozuschaua
Is Leem dodd zwaasteggi, zweggerd un zwiewiggsi
Di Leid grindli un dichdi un groodlini
Kollesderienlasdi un zendroolverriegld
(...)
Di Gscheidichkeid hemms nedd midn Leffl gfressn
Di Gmiedlichkeid nedd midn Mooßgruuch drungn
Neebl, Niederschleech, neidischa Nachbern
Wenn nedd gerwerd werd, schauers nei in di Spoorbiegle
(...)
Aaschgrund, Aaschgrund, ieber alles
Ieber di Mooßn un iebern griena Glee
Aaschgrund, Aaschgrund, under anderm
Er gidder fasd alles odder er gidder in Resd
Franken ist für mich immer auch eine Gegend gewesen, die Wünsche
offen läßt.
Noch so viele Erlebnis-Kerwas, Kultursommer, Feinschmeckerwochen und Radwanderwege
können das nicht übertünchen.
Der Mensch lebt nicht von Bratwürsten, Lebkuchen und Karpfen allein.
Wer wünschte sich Franken nicht ligurischer, lyrischer, levantinischer,
sinfonischer, aphrodisischer?
Aber der Menschenschlag mit seinen Lebensschicksalen und seinem Sprachfall
hat es mir nun einmal angetan. Nicht die große Geschichte der Markgrafen,
Patrizier und Bischöfe, der Pfeffersäcke, Schönborn und
Seckendorff, nein, die kleine, boden-, leid- und zungenschwere Geschichte
der ansässigen, werktreuen Gestalten mit ihren häuslichen, kleinräumigen
Gemütern.
Schausner oo, di Frankn, gscheida Wercher, Eingbreedler.
Eing sinnsi, fraali, duggserd un defdi, grood oo un
drauf aus.
Di Werder nehmers ins Maul, lassns zergeh wi rauha haaßa
Glees.
(...)
Frankn lichd nedd am Meer. Obber des baßd scho.
Es werd scho.
Schreiben wie einem der Schnabel gewachsen ist, den Leuten aufs Maul
schauen, in ihren Augen, Gesichtern und Händen auch die Geschichten
lesen, die sie nicht über die Lippen bringen, das liegt mir am Herzen.
Den Leuten nicht nach dem Munde reden, sondern die mir vermachte Sprache
verwandeln und ihr Form und Fassung geben, daß selbst ein ordinäres
fränkisch Gwidder seine eigene Klangfarbe und Bildkraft entfalten
kann:
der Wind dudd rindern
di dungln Wolgn rumsn
di Bammer wern rawellisch
ball reengds Bloosn wi bleed
na kummds bechschwazz hindn
na blitzds, dudd an Drumm Schlooch
na dudds schiedn, na schlächds ei
na hasd di Scheißn
Ach ja, die Mundart, der Aischgrund... Heimat, süßer Pustekuchen...
Meine gemütliche Ecke ist ein "Aischgrund der Seele", voller
grundgütiger "Frecker", ein "Franken der Phantasie",
viel tiefgründiger und wahrer als jede sogenannte Wirklichkeit.
Ein erdichteter Aischgrund aus Sprache und Poesie, der dem Leben hier
auf den Grund geht.
Denn es ist meine feste Überzeugung, daß ein Land ohne Poesie,
ohne Phantasie und Überlieferung auch ein Land ist ohne Seele und
ohne Zukunft, ohne Sinn für Früheres und Mögliches. Insofern
schreibe ich auch für einen Leser, der in 50 oder 100 Jahren nachlesen
möchte, wie die Menschen am Ende dieses Jahrhunderts hier gelebt,
geredet und gefühlt haben. "Un iech hoff bloß, dassn nedd
der Schlooch driffd, wenner des na leesn dudd..."
In einem Gedicht habe ich einmal geschrieben:
Der Dichder is woschd. Der Dexd is, wos zälld.
Und weil ich immer noch dazu stehe, will ich mich für die heutige
Auszeichnung der PRUNKLOSIA herzlich bedanken, vor allem im Namen meiner
"Dexde".
Mein Lebtag hab ich nicht zu träumen gewagt von so einem "Hexenorden".
Doo hasd weng am Huud mid dem Foosernachdsfeez
mid Fasching kannsdmi joong -
Obber bisdi versiggsd, hasd a Kabbm aufm Deez
un a Ordn hängd rum um dein Groong!
Herzlichen Dank.
Rede anläßlich der Verleihung des Hexenordens 1998 der Prunklosia
Emskirchen am 20.2.1998. Die meisten Zitate stammen aus Gedichten von
Helmut Haberkamm.
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