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Am ersten Adventssonntag des Jahres 1961 wurde Helmut Haberkamm in dem
Dorf Dachsbach im mittelfränkischen Aischgrund geboren. Aufgrund
der Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof wurde die Aischgründer
Mundart dieser Karpfen- und Krengegend für ihn zur ersten, eigentlichen
und wahrhaft eigentümlichen Sprache. Frankn lichd nedd am Meer, mit diesem griffigen und programmatischen
Titel seines Debütbandes betrat Haberkamm 1992 die literarische Szene
in Franken - und feierte damit sofort einen erstaunlichen Erfolg. 1993
erhielt er prompt den Bayerischen Kulturförderpreis für seine
neuartige Dialektpoesie, die - wie es in der Münchner Laudatio heißt
- "von der Spannung zwischen authentischer Gestaltung von Sprache
und Lebensform der Menschen des mittelfränkischen Aischgrundes und
der strukturellen Vielschichtigkeit wie gedanklichen Offenheit moderner
hochsprachlicher Lyrik" lebt. Mit den beiden Gedichtbänden Wie
di erschdn Menschn (1993) und Leem aufm Babbier (1995) schloß
Haberkamm seine Aischgrund-Trilogie ab. Mit der ersten Folge (Gfärbda Spoozn) des Theaterprojektes
Schellhammer, die im Herbst 1996 am Theater Erlangen uraufgeführt
wurde (Hauptrolle: Winfried Wittkopp; Regie: Karin Drechsel), begann Haberkamm
mit dem Stückeschreiben für hiesige Schaupieler. Während
der gesamten Spielzeit 1996/97 stand das Stück als Dauerbrenner auf
dem Erlanger Spielplan. Die zweite Folge (Fleischia Stiggle) lief
in der Spielzeit 1997/98 ebenfalls mit sehr großem Erfolg am Theater
Erlangen. Auch in diesen dramatischen Werken wird die regionale Mundart
als literaturfähige Sprachform ernst genommen, wobei sie vielschichtige
Bilder, Geschichten und Gefühle zu transportieren vermag. Im Oktober 2001 feierte das fränkische Musikal No Woman, No Cry - Ka Weiber, ka Gschrei Premiere am Theater Erlangen (Garage), ein Mundartstück über die drei alten Freunde Festus, Limbo und Bugatti, die sich beim Wiedersehen nach vielen Jahren ("30 Jahre Mittlere Reife") ihre Vorwürfe, Sehnsüchte und Erfahrungen mit Frauen vom Herzen reden und mit Hilfe ihrer gemeinsamen musikalischen Wurzeln wieder neu zueinander finden. Die drei Schauspieler und Musiker Stefan Kügel, Winfried Wittkopp und Stefan Nast-Kolb, die sich für diese freie Produktion zum eigens dafür gegründeten Theater KaNoma zusammenfanden, laufen in diesem Stück zu großer Form auf und begeistern ihr Publikum bei ihren Vorstellungen, sei es in Heppstädt, Erlangen, Dehnberg, Nürnberg oder bei einem der Gastspiele an anderen Orten. Mit dem Bühnenrenner Die Schuddgogerer (Uraufführung am 20. Oktober 2005 im Theater Garage Erlangen) wurde die kreative Zusammenarbeit mit den beiden Schauspielern Winni Wittkopp und Stefan Kügel sowie dem Regisseur Jürg Schlachter fortgesetzt. Dieses "fränkische Bubenstück" präsentiert den Zuschauern zwei Schutt-Spezialisten vom Feinsten, "zwaa ganza Scheena": Rußer und Boggatsch. Zwei grundverschiedene Typen, der grüblerische Mumpfler und der praktische Bauchmensch, die sich angiften und aushorchen, dann wieder gegenseitig aufrichten und gemeinsam aufschwingen zu spitzbübischer Verspieltheit, hochgradiger Kunst und höherem Aberwitz. Zwei fulminante Verkörperer der fränkischen Seele und Sprache, die hier grandios aufspielen. Stefan Kügel, der das Theater Kuckucksheim in Heppstädt bei
Adelsdorf betreibt, brachte im Mai 2003 Helmut Haberkamms fränkisches
Nachtstück Die g'schenkte Stund als Uraufführung beim
Internationalen Figurentheaterfestival in Erlangen auf die Bühne.
Der virtuose Puppenspieler agiert dabei nicht nur als die Hauptfigur,
der Galsterer, ein gewürfelter Totengräber und Sänger,
sondern verkörpert auch noch fünf weitere Figuren, allesamt
Verblichene, denen es für eine Stunde in einer Herbstnacht noch einmal
vergönnt wird, in ihr Dorf zurückzukehren, um mit Hilfe des
Galsterers ihren Seelenfrieden zu finden. So entsteht ein dichtes, poetisches
Spiel aus Magie und Realismus, mit viel Musik und Lebensschicksalen (Kompositionen:
Dietmar Staskowiak). Im November 1997 erschien die CD Frankn lichd nedd am Meer... und
mehr und mehr (ars vivendi verlag Cadolzburg), auf der Helmut Haberkamm
Mundartgedichte liest, musikalisch unterstützt und umrahmt von Ralf
Bauer und der Obersteinbacher Blaskapelle sowie den Jazzern Rudi Mahall,
Henning Sieverts und John Schröder. Über viele Jahre hinweg hat Helmut Haberkamm englischsprachige Songs ins Fränkische übertragen, vor allem Lieder mit erzählerischen und poetischen Texten, von Bob Dylan, Bruce Springsteen, Joni Mitchell, Tom Waits, John Hiatt und vielen anderen. Auf der CD Fodd ieberm großn Wasser, die 2005 herauskam, werden 23 dieser Songs vorgestellt, rezitiert von Helmut Haberkamm und gesungen vom Musiker und Liedermacher Johann Müller aus dem Steigerwald. Mit ihrem gleichnamigen Programm treten die beiden auch immer wieder auf den fränkischen Bühnen der Region erfolgreich auf. Der Erlanger Schauspieler, Musiker, Maler und Allround-Künstler Winni Wittkopp brachte im Sommer 2003 die CD Barfißi auf der Herdplattn heraus, auf der er mehr als zwei Dutzend Mundarttexte von Helmut Haberkamm singt und spricht und auf stets originelle Weise musikalisch vertont (Birke + Sommer Verlagsgesellschaft Erlangen). Er erhielt dafür den AZ-Stern der Woche von der Nürnberger Abendzeitung. Von Helmut Haberkamm sind zudem eine Reihe von Erzählungen erschienen, einerseits in Hochdeutsch, andererseits mit unverwechselbar regionalem Einschlag, und zwar in den Anthologien Einwärts, auswärts. Moderne Prosa aus Franken (hrsg. von Michael Zeller und Bobby Kastenhuber), Das Nürnberg-Lesebuch und Nürnberger Ansichten (hrsg. von Steffen Radlmaier), Gold.Rausch.Engel. Das Buch zum Fest (hrsg. von Steffen Radlmaier) und Zugabe! Literarische Streifzüge durch Konzertsäle (hrsg. von Horst Lauinger und Steffen Radlmaier), alle publiziert im ars vivendi verlag Cadolzburg. Die Geschichte Das wunderliche Gesicht von Tragelhöchstädt fand Eingang in die von Bernd Flessner herausgegebene Textsammlung Reisen zum Planeten Franconia. Science Fiction aus Franken (Verlag Ph.C.W.Schmidt, Neustadt an der Aisch 2002). Der Nachfolgeband Rückkehr zum Planeten Franconia (2006) enthält Haberkamms Erzählung Terminal. Für Buchprojekte arbeitete Helmut Haberkamm nicht nur mit Andreas
Riedel zusammen, sondern auch mit einigen anderen Fotografen, so mit dem
Nürnberger Kulturpreisträger Horst Schäfer (Fürther
Freiheit. Ein fotografischer Spaziergang, 1999), dem international
renommierten Naturfotografen Berndt Fischer (Naturerlebnis Franken.
Streifzüge durch eine Seelenlandschaft, 2001) und dem Bamberger
Erich Weiß (Mein Aischgrund. Rund um Aurach, Aisch und Reiche
Ebrach, 2002). Gemeinsam mit den Pianisten und Komponisten Heinrich
Hartl und Klaus Treuheit trat Haberkamm in Projekten an die Öffentlichkeit,
die Musik und Mundartpoesie in einer reizvollen Symbiose miteinander kombinieren.
Mit dem türkisch schreibenden Lyriker Garip Yildirim aus Erlangen
bestritt Haberkamm einen Leseabend, bei dem türkische und fränkische
Gedichte für wechselseitige Spiegelung und Spannung sorgten: Verknüpfung
und Zusammenklang als Inhalt und Programm. Weitere künstlerische Projekte verbinden ihn mit Petra Nacke (Autorin,
Sängerin, BR-Sprecherin) und Elmar Tannert (Schriftsteller), mit
denen er ein satirisches Text-Lied-Programm auf die Bühne bringt
(Schimpf und Schande), sowie mit der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte,
die Haberkamm-Texte über kuriose Todesfälle zu einem aufwändigen,
witzigen Künstlerkalender ausgestalteten: Tödliches Franken
(2007). Der Kaschberlesmoo, so heißt ein "fränkisches
Puppenstück", das am 31. Oktober 2008 am Erlanger Theater (Garage)
uraufgeführt wurde. Auf die Bühne gebracht hat es der Schauspieler
und Puppenspieler Wolfgang Tietz vom Theater Regenbogen (Haidhof bei Gräfenberg),
Regie führte Michael Blumenthal. Wie hier ein einziger "Spieler",
der arg gebeutelte "Kaschberlesmoo", mehr als ein gutes Dutzend
einprägsame Figuren, Gesichter, Stimmen und Echos zum Leben erweckt,
das zieht die Zuschauer in den Bann und geht ihnen mächtig unter
die Haut. Ein ganz besonderes Kabinettstück in fränkischer Seelenpoesie! Dachsbacher Wort-Schatz-Kästla, unter diesem Motto präsentiert Helmut Haberkamm gemeinsam mit dem Dachsbacher "Freibäcker" Arnd Erbel (www.erbelbrot.de) eine Serie ganz besonderer Bäcker-Tüten-Texte: eine Sammlung von "Mundartausdrück zum Merken und Benutzen", die allmählich fast schon in Vergessenheit zu geraten drohen, aber viel zu schön sind um sang- und klanglos verschütt zu gehen ("ficherland", "olber", gäddli"). "Backwerk und Mundart vom Feinsten", so heißt es auf den einmaligen Tüten, die vom Fürther Grafiker Armin Stingl und der Nürnberger Illustratorin Irma Stolz künstlerisch gestaltet und veredelt werden.
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